Vom Bösewicht zum Saubermann – das war kein Zuckerschlecken

Es gab eine Zeit, in der konnte der Versteckte Zucker noch Versteckter Zucker sein und das tun, was man als Versteckter Zucker eben so tut: sich verstecken. Über Jahrzehnte trieb er unentdeckt sein Versteckspiel. Doch dann kam das Aus. Die Geschichte einer Sinnkrise mit Happy End.

Schock: das hat der versteckte Zucker nicht kommen sehen

Super-GAU am 13. Dezember 2016: Der Versteckte Zucker darf sich nicht mehr verstecken! Die EU-Lebensmittelinformationsverordnung fordert einen schnellen, transparenten Überblick über den Kalorien- und Nährstoffgehalt von Lebensmitteln. Ein harter Tag für den Versteckten Zucker. Über Nacht war er auf einen Blick in der Nährwerttabelle enttarnt und gefunden. Verstecken? Unmöglich.

Mit verstecktem Zucker Geld verdienen

Die einzigen, die jetzt noch dicke Geschäfte mit Verstecktem Zucker machten, waren Ernährungsgurus. Denn nicht jeder Bürger hatte ab dem 13. Dezember 2016 verstanden, dass er einfach in die Nährwerttabelle schauen muss und dass Zucker einfach dazugehört. Diese Wissenslücke nutzten Ernährungsratgeber schamlos aus. Sie schrieben ihre Bücher und setzten den Versteckten Zucker auf die Liste der geächteten Lebensmittel. Ob es irgendjemanden gibt, der den Versteckten Zucker nicht ins Visier genommen hatte? „Naja, nur die Nachkriegsgeneration blieb entspannt; die haben zum Essen noch eine gesunde Einstellung und sind nicht so hysterisch wie die Generation Avocado. An denen habe ich mir schon immer die Zähne ausgebissen“, kommentierte damals der Versteckte Zucker.

Die große Depression

Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis die transparente Kennzeichnung das völlige Karriereaus bedeutete. Wir haben seiner Tristesse auf YouTube ein Denkmal gesetzt:

 

„Ich wollte doch einfach nur gefürchtet werden.“

Furcht verbreiten, das war der größte Wunsch des Versteckten Zuckers. Er wollte sein altes Leben zurück, seinen Job. Doch das ging natürlich nicht mehr. Keiner würde mehr Angst vor ihm haben. „Deutschland ist so furchtbar aufgeklärt.“ Es folgte der Breakdown. Perspektivlosigkeit. Völlige Selbstaufgabe.

Endstation foodwatch?

Lange dümpelte der Versteckte Zucker planlos vor sich hin. Depressive Aufs und Abs beherrschten seinen Alltag. Kurz schien es, als könne er seiner Misere etwas Positives abgewinnen und stellte die Bastelanleitung für sein Zuckerwürfel-Kostüm kostenlos ins Netz. Ein kümmerlicher Versuch eines angeschossenen Löwens Schweißperlen in die Gesichter der Angstesser zu treiben. Statt Schrecken erntete sein Kostüm nur Lacher. Aus purer Verzweiflung bewarb er sich sogar bei foodwatch – nochmal etwas wagen, wenn man sowieso nichts zu verlieren hat. Es hätte so perfekt gepasst. Und sollte doch nicht sein.

Demütiger Neustart

Geplagt von Selbstzweifeln, wusste er: So kann es nicht weitergehen. Die Kohle wurde knapp und mit sinkendem Kontostand wuchs die Bereitschaft, jede Arbeit aufzunehmen. Er startete seinen Aufruf: „Helft mir aus der Arbeitslosigkeit, ich würde alles tun, wirklich alles.“ Viele zeigten Herz für die ehemalige Schreckensfigur und hielten ihn mit kleinen Jobs am Leben: Ikea-Regal aufbauen, Hund Gassi führen, Auto waschen. Herr Zucker hat alles gesehen. Vieles ausprobiert und sich die Hände zum ersten Mal richtig dreckig gemacht. Am Boden kniend hat er seine Leidenschaft entdeckt: das Putzen.

Saubermann bei „Book a Sugar“

Wer hätte das gedacht? Der Versteckte Zucker putzt für sein Leben gern! Da kann er einfach er selbst sein und wieder Menschen glücklich machen. Weil man das nach einer Sinnkrise so macht, hat er ein Startup gegründet. „Book a Sugar“ heißt es und geht gerade durch die Decke. Er ist wieder wer, und als Saubermann gefragt wie nie. Brauchen Sie jemanden, der akribisch den Staubwedel schwingt und mit Leidenschaft jeden einzelnen Krümel jagt? Jemanden, der Reinigungstätigkeiten nicht einfach nur ausübt, sondern lebt? Liebt? Dann ist Herr Zucker ihr Mann!

Neulich, bei einem Job in einer kernsanierten Altbauwohnung, Berlin, Prenzlauer Berg, hielt er auf einmal das Buch „Für immer Zuckerfrei“ von Ex-MTV-Moderatorin Anastasia Zampounidis in der Hand. Er stellte es kopfschüttelnd und mit einem Lächeln in das Billy-Regal, wischte liebevoll den Staub vom Bücherrand und dachte leise bei sich: „Dass man mit sowas immer noch Geld verdienen kann…“

       

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