Skandal im Süßbezirk: So schlimm geht’s Schoko-Weihnachtsmännern

Weihnachten – das Fest der Liebe? Von wegen! Nicht an jeden wird gedacht. Letztes Jahr um diese Zeit treffe ich den Schoko-Weihnachtsmann Hannes D. (Name geändert) an einem bitterkalten Tag in einem Münchener Supermarkt. Während ich ihn interviewe, werfen mir Kunden böse Blicke zu. Schnell wird klar, was er jeden Tag durchmacht.

Große Träume

September 2017: Eigentlich fängt alles ganz harmlos an. In einer Schokoladenfabrik erblickt Hannes D. das Licht der Welt: „Ich weiß noch, wie viele wir waren. Und alle waren voller Hoffnung. Wir wollten alle Menschen glücklich machen, haben uns auf große, glänzende Augen gefreut.“ Was er nicht ahnt: Es kommt ganz anders.

Süße Verachtung

November 2017: Hannes D. kommt in den Supermarkt. Seitdem zieht er öfter um: „Erst war ich im schönsten Regal. Mitten im Laden, zwischen den anderen Süßigkeiten. Alle konnten mich sehen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mich gar keiner sehen will.“ Die Leute gehen vorbei. Sie schauen beschämt zu Boden oder ihn verächtlich an.

Kein Schwein kauft ihn ein

Hannes D. holt tief Luft. Er braucht viel Überwindung für die nächsten Worte: „Erst habe ich nicht verstanden, was los war. Aber dann erhaschte ich einen Blick auf die Zeitschriften. `5 Tipps für ein zuckerfreies Weihnachten´ und `So backen Sie Plätzchen ohne Zucker´ – das waren die Schlagzeilen. Plötzlich war mir alles klar. Es ging um meine inneren Werte.“ Kleine Schoko-Tränen rollen seine Wangen herunter. Eigentlich süß und doch so bitter.

Herzzerreißende Hoffnung

Doch nicht alle sind so kalt zu ihm, berichtet der süße Kerl: „Hin und wieder greifen Menschen nach mir. Da geht mein Herz auf und ich bin ganz nah am Ziel. Doch dann zögern sie. Ihre Miene verhärtet sich.“ Er stößt einen tiefen Schoko-Seufzer aus. „Sie berühren mich nur kurz und gucken verschämt zur Seite.“ Auch sein Blick geht zu Boden. „Dabei will ich doch nur vernascht werden.“ Ob sich sein Traum jemals erfüllt hat?

Abgelehnt und ausgestoßen

Januar 2018: Mittlerweile steht Hannes D. nicht mehr im schönsten Regal des Supermarkts: „Als Weihnachten vorbei war, haben sie mich zu den Sonderangeboten verfrachtet. Jetzt stehe ich einsam und allein zwischen Putzlappen und 5-Minuten-Terrinen.“ Wenn ihm langweilig ist, schaut er zu den Zeitschriften. Jetzt liest er dort andere Schlagzeilen: „Intelligent abnehmen“, „Endlich Wunschgewicht“. „Tja, die zuckerfreien Plätzchen haben wohl auch dieses Weihnachten nichts gebracht“, sagt Hannes D.

Einfach würdelos

Februar 2018: Keiner will Hannes D. haben. Er hat die Hoffnung aufgegeben: „Obwohl sie meinen Preis schon so weit runtergesetzt haben. Dabei sollte ein Mensch doch gar keinen Preis haben. Egal ob er aus Fleisch und Blut oder aus Schoko ist. Finden Sie nicht auch?“ Ich nicke betreten.

Wenn das Licht ausgeht

Der schlimmste Moment kommt jeden Abend um 22:00 Uhr: „Wenn die Lichter ausgehen, ist wieder ein Tag vorbei. Ein trauriger Tag mehr, an dem ich nicht mitgenommen wurde. Mittlerweile habe ich aufgehört zu zählen, wie viele es schon waren.“ Ich blicke zu den anderen Sonderangeboten. Hannes D. ist kein Einzelschicksal. Ein kluger Mann sagte einmal, man erkenne den Zustand einer Gesellschaft daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.

Adoptieren als Ausweg

Das Schicksal einsamer Schoko-Weihnachtsmänner geht uns alle an. Nehmen wir uns ein Herz und adoptieren noch heute einen Schoko-Weihnachtsmann. Geben wir Hannes D. und seinen Brüdern ein neues, wärmeres Zuhause. Und dann, wenn sich ihr Traum erfüllt hat, wird Weihnachten wieder zum Fest der Liebe.

       

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