Kleines Psychogramm des Essensbesserwissers

Jeder kennt solche Typen. Schon damals auf dem Spielplatz wussten sie genau, dass hohes Schaukeln voll gefährlich ist. Heute kämpfen sie gegen Zucker und andere menscheitsvernichtende Gefahren. Das Leben als Essensbesserwisser ist ganz schön hart. Ständig steht das eigene Feindbild im Weg wie ein riesiges Dinkelplätzchen. Wir rollen es zur Seite und schauen genauer hin.

Der Reinfall mit dem Reden

Ob es stimmt, was er sagt? Das ist dem Essensbesserwisser nicht wichtig. Schon in der Schule trieb er Lehrer in den Wahnsinn. Hat sich ständig gemeldet, auch wenn er nichts wusste. Auch heute gilt: Hauptsache, er redet. Wie? Neunmalklug. Schwingt der Essensbesserwisser seine Reden, ist der Zeigefinger ganz weit oben. So als wolle er in Richtung des allwissenden Schöpfers deuten und sagen: „Man kennt sich!“

Der Verdruss mit dem Genuss

Der Essensbesserwisser kommt nie zur Ruhe. Immer auf der Suche nach Gefahren, die sein manisch gesundes Leben gefährden. Umso skeptischer blickt er auf Menschen, die noch genießen können. Die sich etwas gönnen und trotzdem gesund bleiben und alt werden. Unverschämt sowas! Essensbesserwisser glauben nämlich immer noch: Die optimale Nahrungsaufnahme erreicht man durch Steuerabgaben. Fette Logik.

Die Krux mit der Kritik

Ein echter Essensbesserwisser kritisiert wild um sich. So wie er als bockiges Kind das Monopoly vom Tisch gepfeffert hat, wenn er auf der Verliererstraße war. Damals war es nur ein Spiel, heute ist es das echte Leben. Zucker in Getränken ist für ihn der süße Leibhaftige; hier kommt er voll in Fahrt. Als Ernährungsexorzist weiß er natürlich: Treibt man der Brause den Zucker aus, erhebt sich das Gebräu des Grauens zombiegleich erneut in Gestalt des Süßstoffs. Und auch hier weiß der Essensbesserwisser, dass er den Finger heben muss. Der macht auch krank, hat er gelesen. Tja, dumm gelaufen. Was er in der Drehtür seiner Besserwisserei nicht merkt: Dass er nie zum Kern des Problems kommt: Lebensmittel sind Lebensmittel. Wer gelernt hat, sich ausgewogen zu ernähren, mutiert nicht vor dem Supermarktregal zum verbal-apokalyptischen Reiter.

Das Übel mit der Überheblichkeit

Der Essensbesserwisser hat viele Ratschläge. Dadurch wirkt er wie ein selbstloser Heilsbringer. Früher hat er im Sandkasten grammgenau erklärt, wie man den perfekten Förmchenkuchen macht. Heute weiß er: Kuchen geht gar nicht. Geblieben ist sein Besserwissertum – auf dass es von den Unaufgeklärten angemessen bestaunt werde. Ginge es ihm wirklich um seine Mitmenschen, würde er sich mehr für Ernährungsbildung einsetzen und nicht für Verbote und Regeln, mit denen er uns alle unterwerfen will.

Das Versteckspiel mit den Verboten

Der Essensbesserwissser verbietet gerne, dafür nutzt er jede noch so kleine Bühne. Er weiß aber, dass Verbote nicht gut ankommen und formuliert daher gerne scheinheilig. Er entlarvt sich dabei selbst durch seinen Lockruf „Ich möchte niemandem etwas verbieten, aber…“, den er laut wie ein brünftiger Hirsch herausröhrt. Er traut er den Menschen nicht zu, selbst kluge Entscheidungen zu treffen. Er als Halbgott kann das aber.

Wie reagieren auf den notorischen Nörgler?

Am besten wäre es, ihn zu ignorieren. Aber der selbsternannte Weltenretter ist beharrlich. Er klebt an der Öffentlichkeit wie die Haferflocken-Kräuter-Panade am Bio-Schnitzel. Warnen, hysterisieren, alles mit dem Rauchen und dem Sitzen vergleichen (Sitzen ist das neue Rauchen!?) – das Arsenal des Essensbesserwissers passt perfekt in die postfaktische Zeit. Wir könnten seine Aussagen mit Humor nehmen. Aber das ist gefährlich. Denn unsere Entscheidungsfreiheit steht auf dem Spiel. Er wird erst ruhen, wenn wir sie nicht mehr haben. Was wir tun müssen? Hinterfragen, hinterfragen, hinterfragen. Und wenn Argumente nicht helfen, dann umarmen. Denn wer genau hinhört, vernimmt hinter der lautstarken Nörgelei einen zarten Schrei nach Liebe.

       

Beliebte Artikel