In wenigen Schritten zum Foodfluencer

Ernährung ist genau dein Thema? Du willst so werden wie die ganz großen Influencer? Das ist kein Hexenwerk. Wir haben die Erfolgsrezepte der Foodfluencer erforscht und teilen mit dir die (nicht ganz ernst gemeinten) Schritte, wie du ganz easy rich & famous wirst:

Step 1: Auffallen um jeden Preis

Wer auffallen will, muss etwas Ungewöhnliches machen. Wie @freelethebananagirl. Die australische Vloggerin wohnt in einem Zelt im Urwald und isst 50 Bananen am Tag. Ihre knapp 740 Tausend Abonnenten auf YouTube finden daran absolut gar nichts komisch. Du brauchst etwas Ähnliches. Wie wäre es statt Dschungel mit der Wüste und einer strengen Dattel-Diät? Es ist total egal, was du tust oder isst: Hauptsache es widerspricht aufs Maximalste dem gesunden Menschenverstand. Wenn Normalos die Kinnlade runterfällt, sie dich für restlos bescheuert halten, dann – und genau dann – bist du auf dem richtigen Weg.

Step 2: Deine Vergangenheit richtig erzählen

Jeder Foodfluencer hat eine Vergangenheit. Und zwar eine bewegende. Der Klassiker á la „bevor ich mich so ernährte, wie ich mich jetzt ernähre, war ich dick, hatte Hautprobleme und fühlte mich ständig schlapp“ zieht immer. Das ist die Grundstory, die du nur noch ausschmücken musst. @freelethebananagirl hat vor ihrer Erleuchtung einen Drogendealer nicht nur gedated. Welchen krassen Scheiß hast du gemacht, weil du dich nicht richtig ernährt hast? Banken ausgeraubt? Das muss sich alles möglichst dramatisch lesen und kommt auf deine Homepage unter „About“.

Step 3: Ernähre dich exotisch

Ob du nun 50 Bananen am Tag isst wie @freelethebananagirl oder dich vegan ernährst wie @deliciouslyella, spielt dabei keine Rolle. Mach deine Ernährung so exotisch wie möglich. Anschließend behauptest du noch, dass es keine „cleanere“ Ernährung gibt als deine – fertig. Das i-Tüpfelchen wäre jetzt noch ein bisschen Seriosität. Zitiere Studien. Ein bisschen Wissenschaft darf sein, aber nur ein bisschen. Mother Earth ist auch ohne Statistik green & healthy.

Step 4: Instagramme am Limit

Ohne tägliche Posts auf Instagram kannst du deine Influencer-Karriere an den Nagel hängen, bevor sie überhaupt angefangen hat. Deine Follower erwarten hochwertigen Content – und zwar täglich. Sonst bist du raus aus dem Game! #SorryNotSorry. Niemand hat behauptet, diese Foodfluencer-Sache sei ein Zuckerschlecken. Die Bilder sind dabei wichtiger als das Food, das, unter uns gesagt, noch nicht mal schmecken muss. Essen musst du‘s ja nun wirklich nicht selbst. Hauptsache deine Follower kaufen es dir ab. Instagram first, Geschmack second.

Step 5: Du bist der Doktor und brauchst kein Medizinstudium

Warum essen wir eigentlich noch? Um satt zu werden? Wohl kaum. Wir essen, um gesund zu sein. So wie du es geschafft hast. Gönn dir eine Hand voll Krankheiten, die du allein mit deiner Ernährung geheilt hast. Asthma zum Beispiel. Oder irgendeine Stoffwechselkrankheit. Deinen Sieg gegen das Übergewicht brauchst du gar nicht erst zu erwähnen (siehe Step 2). Falls dir spontan nichts Außergewöhnliches einfällt, erfinde einfach welche. Pech nur, wenn es dann rauskommt. So wie bei der australischen „Gesundheits“-Bloggerin Belle Gibson. Sie hatte behauptet, an einem Hirntumor zu leiden und die Krankheit allein mit ayurvedischer Medizin, einer Sauerstofftherapie sowie dem Verzicht auf Gluten und Zucker überwunden zu haben. Alles erfunden, wie sich herausstellte. Sie hatte keinen Tumor, aber etwa 300.000 EUR mit einer eigenen App und dem Verkauf eines Buches verdient.

Step 6: Sei moralisch überlegen

Trage deine Lebenseinstellung in die weite Welt hinaus. Polarisiere um jeden Preis. Hate is the key! Menschen, die sich nicht so ernähren wie du? Absolutes NO-GO! Mach sie schlecht, ziehe über sie her. YouTube eignet sich besonders gut dafür. Du bist die einzige Person auf diesem Planeten, die weiß, wie perfekte Ernährung geht. Du bist schließlich schlank, trainiert und gesünder als alle anderen. Du bist so, wie jeder sein will. Wer nicht is(s)t wie du, is(s)t selber schuld.

Ein Abschlussgedanke

Bitte nicht nachmachen! Die ganzen Foodfluencer übertreiben es einfach maßlos. Milch? Tabu. Fleisch? Sowieso tabu. Gemüse? Na gut, aber bitte nur noch roh. Wir wollen unseren Körper ja nicht umbringen. Das tragische ist, dass manche Foodfluencer es sogar wirklich gut mit uns meinen und nicht nur ihre Bücher verkaufen wollen. Doch das Gleichgewicht und der gesunde Menschenverstand gehen langsam kaputt zwischen all den Ideologen. Die wahren Opfer der Grabenkämpfe zwischen „low-carb-Veganern“ und „high-carb-Veganern“ sind wir, die wir nicht mehr wissen, was am Ende gut für uns ist.

Warum gibt es keinen Foodfluencer, der sich an die einfachen Dinge hält? Der uns zeigt, dass es gar nicht viel Vodoo braucht, um gut durch das Leben zu kommen. Von allem ein bisschen, nicht zu viel, nicht zu wenig. Balance halt. Genug schlafen. Ausreichend bewegen. Die Zeit ist reif für so einen Foodfluencer. Unsere Ernährung ist ein viel zu wichtiges Thema, um sie jenen zu überlassen, die gute Instagram-Fotos machen können.

       

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