Gin hilft gegen Heuschnupfen? Warum wir immer wieder auf solche Irrtümer reinfallen!

Eine neue Studie soll belegen, dass Gin gegen Heuschnupfen hilft. Das ganze Netz hat geteilt, was ZEITjUNG oder InStyle und viele andere berichtet haben. Müssen Heuschnupfler einfach Gin trinken und alles wird gut? Natürlich nicht – alles Quatsch, wie man mit wenigen Klicks herausfinden kann. Ein klassischer Fall von „Fake-Food-News“, ein Phänomen, bei dem Essen oder Trinken fälschlicherweise eine bestimmte Wirkung zugeschrieben wird. Und ein Problem, mit dem wir uns beschäftigen müssen.

Wie wurde eine News zur „Fake-Food-News“?

Histamin soll  Symptome von Allergikern verstärken, so die britische Organisation Asthma UK, auf deren Studie sich die Medien gestürzt haben. Anders als Wein und Bier enthält Gin wenig bis gar kein Histamin. Wer also unter Heuschnupfen leidet, könnte nicht ganz so arm dran sein wenn er zum Gin greift, statt ein Feierabendbier zu schlürfen. Soweit der Sachverhalt. Daraus wurde im Reaktionsprozess der Klick-geilen Medienindustrie: „Gin hilft gegen Heuschnupfen“. Das ist eine starke Headline. Nur leider falsch. Nur wenige Medien haben sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt. Die Kollegen bei jetzt.de haben diese Fake-Food-News auseinander genommen. Leider sind sie die Ausnahme.

Darum sind Fake-Food-News ein Problem

Fake-Food-News sind ein riesen Problem. Wir hören auf einmal von verschiedenen Seiten, dass etwas gut oder schlecht ist. Und wenn verschiedene Seiten das gleiche behaupten, wird es auf einmal plausibel. Aus „Wer hätte das gedacht?“ wird gefährliches Halbwissen und ein „Wusstest du, dass …“, Halbwissen wird zur Gewissheit. Wir vergrößern das Problem, wenn wir das gefährliche Halbwissen weitergeben. Und wenn wir aufgrund dieses Halbwissens Entscheidungen für unser Leben treffen, wir es auch für uns persönlich gefährlich. Denn ohne wirklichen Grund meiden wir dann dieses oder jenes Lebensmittel. Einseitige Ernährung kann die Folge sein. Ohne medizinische Notwendigkeit. Aus einer Fake-Food-News kann dann ganz schnell etwas sehr Schädliches werden.

Warum verbreiten sich solche Irrtümer?

Geteilt, geliked, geglaubt. Die Weitergabe verfälschter Nachrichten ist heute zur Normalität geworden. Aber warum? Dahinter stecken viele Gründe. Drei möchte ich mit euch teilen:

1. Wir haben keine Zeit.

Wer nimmt sich schon die Zeit, einen ganzen Artikel zu lesen (ich hoffe natürlich ihr habt sie geradeJ)? Die Headline muss reichen, den Rest denkt man sich dann irgendwie selbst. Für die kritische Prüfung nehmen wir uns erst Recht keine Zeit. Unter uns: Sollte doch auch der Journalist dieses Qualitätsmediums gemacht haben… Verbreite ich das erstmal, sind meine Nachbarn, Kollegen oder Familienmitglieder auch nicht gerade motiviert zu prüfen, ob ich vorher die Faktenlage gecheckt habe. Sie haben ja auch nicht mehr Zeit als ich.

2. Einfach glauben wollen.

Ich habe Heuschnupfen, also trinke ich Gin?! Hört sich auf den ersten Schluck ja gar nicht so schlecht an. Der zweite Schluck spült den Zweifler in mir dann endgültig runter. Das ist aber auch eine Botschaft, die ich gerne glauben möchte. Auch wenn ich selbst keinen Heuschnupfen habe, bleibt bei mir hängen: „Gin ist Medizin“. Und Medizin ist immer gut.

3. Gesund ist das neue SEXY.

Erfolg, Intelligenz, Menschlichkeit… alles nicht genug. Man muss auch noch Marathon laufen. Ein fetter Top-Manager sieht auf dem Titelblatt der Zeitungen nicht so gut aus wie ein durchtrainierter mit offenem Hemdkragen. Gesundheit ist das neue Sexy. Und wer möchte schon ungesund sein? Niemand. Wir suchen lieber nach Tipps, Rezepten und Trends, die einen gesünder werden lassen. Am besten ganz einfache, indem man dieses oder jenes isst oder nicht isst. So konditioniert lechzt unsere Aufmerksamkeit nach „XXX macht gesund“-Inhalten, die wir auch gerne teilen. Nach dem Motto: „Schaue Welt, ich weiß was gesund ist. Du nicht.“

Was kann man dagegen tun?

Hand aufs hoffentlich gesunde Herz: Eigentlich ist es doch gar nicht so schwer, den ganzen Artikel zu lesen. Nach einer reißerischen Headline holt sich halbwegs seriöser Journalismus wieder selbst auf den Boden der Tatsachen.

Generell gilt aber immer Skepsis, vor allem bei Ernährungsstudien. Nicht nur bei Ernährungsstudien fehlen oft belastbare und eindeutige Zusammenhänge in Form von „Esse X und du wirst gesünder“, oder „Y schadet der Gesundheit“. Unklare Zusammenhänge sind leider nicht Clickbait-tauglich. Die Redakteure stehen aber unter enormen Druck. Sie müssen Artikel produzieren, die geklickt werden. Und Artikel, die einfache Lösungen versprechen, werden nun mal besser geklickt als Artikel die mit „Es ist nicht ganz klar, ob…“ starten.

Da hilft nur „Facebook Aus“ oder zumindest die Originalstudie lesen. Gibt es da wirklich einen eindeutiger Zusammenhang? Und wenn im Artikel die Originalstudie noch nicht einmal verlinkt wird, wäre ich dreimal misstrauisch. Dann ist es wohl gesünder den Artikel nicht zu lesen. Wenn wir also der nächsten Headline begegnen die uns erzählen will, dass wir aufgrund einer Studie plötzlich Grundnahrungsmittel wie Weizen, Eier oder Zucker meiden sollen, müssen wir misstrauisch werden. Gesundheit und Ernährung sind einfach zu komplex, um sein Leben nur nach Headlines zu leben.

In diesem Sinne

gin,gin

Eure Antonia

       

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