Ampelst du schon oder denkst du noch?

Ampeln erleichtern uns das Leben. Rot heißt stehen, Grün heißt gehen. Denken brauchen wir dabei nicht viel. Im Straßenverkehr retten Ampeln genau deswegen Menschenleben. Ist es deshalb sinnvoll, das Prinzip Ampel auf andere Dinge des Lebens zu übertragen? Sechs verflixt ernst gemeinte Vorschläge für mehr Rot, Gelb und Grün im Leben:

Lebensmittelampel

Die Lebensmittelindustrie prankt uns doch von vorne bis hinten. Ein Fall für die Ampel? Jeder weiß: Überall sind  Zucker und Fette versteckt. Du denkst jetzt wahrscheinlich: „Moment mal, die stehen doch aufs Gramm genau auf der Nährwerttabelle.“ Das mag schon sein, aber so viel Transparenz kann die Industrie doch nicht ernst meinen. Die können von uns Verbrauchern doch nicht verlangen, diese Angaben tatsächlich zu lesen. So eine verantwortungsvolle Aufgabe sollen andere für uns übernehmen, und zwar dieselben, die vor zehn Jahren noch Butter verteufelten und heute als Superfood loben. Keine Frage: Ohne Ampel auf Lebensmitteln sind wir sicher dem Tode geweiht. Und genau deshalb fordern Interessensvertreter die Ampel auf Lebensmitteln. Leuchtet ein, Ernährung ist wie Straßenverkehr nur ohne Führerschein.

Ampeln für Restaurants

Denke an deinen Lieblingsitaliener. Weißt du, Hand aufs Herz, mit wie viel Olivenöl er das Ragout zubereitet? Wie fettig das Rinderhack war? Wie viel Zucker er im Hefeteig versteckt hat, damit der besser aufgeht, ohne es dir zu sagen? Nein. Weißt du nicht. Auch hier sollten wir die Ampel fordern. Auf jedem Gericht in der Speisekarte. Am besten schon eine Ampel an der Eingangstür, die uns vorhersagt, ob das unser letztes Abendmahl wird und wir das Restaurant mit den Füßen voraus verlassen. Dank der Ampel hätten dann Basilikum und dekorative Toskana-Bilder an den Wänden keine Chance mehr, uns die mediterrane, lebensverlängernde Ernährung zu suggerieren, obwohl die vielen roten Ampeln in der Speisekarte den sofortigen Tod nahelegen.

Ampeln für Bücher

Kochbücher verkaufen sich gut – die Autoren sollten sich endlich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden und sich der Herrschaft der Ampel unterordnen. Vorne, fett auf dem Buchcover, muss stehen, ob man sich beim Kauf potentiell einer Gefahr aussetzt. Ein Gremium der Gesundheitswächter vergibt die Ampeln nach einem System, das auf Annahmen basiert, die wiederum auf Gerüchten basieren. Niemand sollte in einem Buchladen selbst eine Entscheidung treffen müssen, welches Kochbuch er sich jetzt kaufen soll und welches nicht. Überhaupt macht das Bücherlesen fett, weil wir uns dabei ja nur marginal bewegen. Bücher bekommen die rote Ampel. Und dann? Ist der nächste Schritt die öffentlich Verbrennung von Büchern mit roten Ampeln?  Ganz ehrlich: Das lehnen wir ab.

Ampeln auf Netflix

Stichwort Bingewatching. Das klingt schon ungesund. Netflix-Serien sind doch die wahren Drogen unserer Zeit! Serien, die richtig suchten, erhöhen bestimmt irgendein Gesundheitsrisiko und kriegen natürlich die rote Ampel. Und wenn die Schauspieler in der Serie etwas essen, das gerade im Verruf steht, kriegt die Szene auch die rote Ampel. Am besten schon ein paar Sekunden vor dem ersten Biss – dann können die Zuschauer ihren Kindern noch rechtzeitig die Augen zuhalten. Filme wie „Der weiße Hai“ sind in diesem System kniffelig. Menschenfleisch gut und schön, vor allem wenn es aus artgerechter Haltung kam. Aber ist das jetzt für den Hai gut, dass daran noch Baumwolle war oder die Badehose aus Kunststoff? Merkt ihr, wie wir alle langsam aber sicher gesünder werden?

Ampeln für Freunde

So weit so gut, aber große Dickmacker lauern in unserem sozialen Umfeld: Wir brauchen eine Ampel für Menschen. Freunde, die dich verführen, mit ihnen auf der Couch zu hocken und immer so feine Erdnüsschen zum gemeinsamen Bingewatching mitbringen, kriegen – richtig – eine rote Ampel. Diese sogenannten „Freunde“ sollte man meiden. Die Sportskanone aber, die mit dir immer zum Marathon will, darfst du natürlich behalten. Die bekommt eine grüne Ampel. Das ist wie in der Politik: Joschka Fischer ist mal Marathon gelaufen und ein Grüner. Sahra Wagenknecht hingegen ist keine bekannte Marathonläuferin und eine Rote. Logisch, oder?

Ampeln für Ampeln

Jetzt kommt aber die Krönung aller Ampel-Überlegungen: Wie lange hast du schon vor Ampeln gewartet? Zu lange! Wer nichts tut, lebt ungesund. An Millionen Ampeln warten Millionen Bürgerinnen und Bürger. Täglich. Man sollte mal berechnen, wie lange man im Laufe seines Lebens an Ampeln herumsteht. Untätig! Ohne so richtig Kalorien zu verbrennen. Ampeln mit langen Wartezeiten sollten mit Rot gekennzeichnet werden. Wir müssen schon von weitem sehen, ob das eine gesunde oder ungesunde Ampel ist. Auch Ampeln brauchen Ampeln.

Im Paradies ist kein Platz für Gelb

Erst wenn das letzte Ding auf Erden sich der Ampel-Logik untergeordnet hat, erst dann dürfen wir uns zurücklehnen und die Einfachheit des Lebens genießen – das Paradies ist nahe. Transparenz überfordert uns. Wir brauchen klare Ansagen – Grün ja, Rot nein. Die Farbe Gelb wird über kurz oder lang auch noch abgeschafft, die lässt uns ja mit einem unguten Gefühl zurück: Schaffe ich es noch über die Straße, oder nicht? Deshalb haben Fußgänger-Ampeln ja schließlich auch kein Gelb mehr. Gelb überfordert uns. Das wollen wir nicht. In dieser Welt ist kein Platz für mehr als zwei Farben. In dieser Welt wollen wir leben. Oder?

       

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