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Kalorien loswerden per App? Wäre auch zu schön gewesen.

Überschüssige Kalorien bequem und online loswerden. Die App Calotrade versprach genau das. Viele Nutzer wollten es nur zu gerne glauben. Sie müssen jetzt enttäuscht werden. Denn Überraschung: Die App war nur ein Experiment. Ein Experiment aber, aus dem wir viel lernen können.

Die bequeme Lösung für Bewegungsmuffel gibt es nicht

Calotrade ging als Trading-Plattform online.  Auf der Plattform konnten Nutzer ihre Kalorien per Mausklick tauschen. Wer zu viele Kalorien hatte, bot sie an und wer Kalorien brauchte, holte sie sich. Beispielsweise Hochleistungssportler, die beim Training wohl zu viele Kalorien verbrauchten, übernahmen die Kalorien der Couchpotatoes. Perfekt für die eher bequemeren Zeitgenossen unter uns, die beim Fernsehen mehr Kalorien zu sich nehmen, als sie am Tag verbrauchen. Für alle Freunde der kalorienreichen Snacks sah Calotrade wie die ultimative Lösung aus.

Daten belegen Unwissen um Kalorienbilanz

Calotrade-Nutzer haben über 1,7 Millionen Kalorien getauscht. 1,7 Millionen Kalorien! Das entspricht in etwa den Kalorien von über einer Tonne Avocado (100 g haben 160 kcal, manchmal auch mehr). Die Bewegungsmuffel haben die App allerdings intensiver genutzt und über eine Millionen Kalorien angeboten. Aber nur 700.000 Kalorien wurden auch abgenommen. Ein ziemlich großes Ungleichgewicht! Die App wurde übrigens von der Zuckerwirtschaft als Experiment entwickelt – ja, von der Zuckerwirtschaft. Die sah sich gezwungen, das Rätsel um die wundersame App aufzulösen und musste klarstellen:

Calotrade war ein Experiment. Über 1,7 Mio. Kalorien haben Nutzer*innen getauscht. […] Die Dysbalance von Kalorienabgabe und -aufnahme belegt ein Phänomen: Wir bewegen uns zu wenig, aber nehmen zu viele Kalorien zu uns. Hiermit stellen wir den Betrieb der App ein und hoffen, durch das Experiment mehr Menschen für einen bewussteren Umgang mit Kalorien zu sensibilisieren. Wir hoffen auch, dass sich Politik und Meinungsmacher mehr damit beschäftigen, wie wir unsere Energiebilanz ins Gleichgewicht bekommen.

(Das ganze Statement auf calotrade.de)

Realitätsverweigerung zwischen Couch und Waage

Jeder sitzt mal einem Trugschluss auf. Aber man muss sich doch fragen dürfen, wer wirklich geglaubt hat, er könne per Mausklick tägliche Kühlschrankplünderungen und Bewegungsfaulheit ausgleichen. 1,7 Mio. getauschte Kalorien belegen leider, dass viele Deutsche lieber einfachen „Lösungen“ hinterherrennen, als das Problem bei der Wurzel zu packen. Traurig. So sehe ich schwarz für die Volksgesundheit.

Und jetzt die Moral

1. Hemmungslos schlemmen und bewegungslos auf der Couch liegen. Keine App der Welt kann uns da schlanker machen. Was genau so wenig hilft, ist der Fingerzeig auf die, die Schuld sein sollen: die Medien, die falsche Diät, der angeblich versteckte Zucker (dass der sich gar nicht verstecken kann, lest ihr hier). Fingerpointing verbrennt zu wenige Kalorien. Und immer, wenn dein Zeigefinger auf einen Sündenbock zeigt, zeigen mindestens drei auch in deine Richtung (ausprobieren!).

2. Wir fallen immer noch zu gerne auf einfache Versprechen herein. Per Klick die eigene Kalorienbilanz ins Gleichgewicht bringen? Klingt doch verlockend. Einfach den Zucker durch irgendwelche Substanzen ersetzen, und alles wird gut? Applaus aus dem Bevormundungs-Lager, dessen Kerngeschäft die Verteufelung von Nahrungsmitteln ist, das gestern die Butter noch verbieten wollte und sie heute als neues Superfood hochloben will (das ganze Drama nachzulesen bei Krautreporter). Was wir statt den  Jubelpriestern des Zeitgeistes brauchen, ist mehr echte Aufklärung statt noch mehr einfache Rezepte, die sich dann nach Jahren ihrer Verbreitung als wirkungslos herausstellen.

3. Am Ende lautet die harte Realität: Wer seine Kalorienbilanz im Griff haben will, muss auf den richtigen Mix aus Ernährung und Bewegung achten. Das kann keine staatliche Zuckerpolizei für uns übernehmen. Wie viele Kalorien man aufnimmt und wie viele man verbrennt, das zählt wirklich. Und wenn Stoffwechsel und Körper in Ordnung sind, ist es die Energiebilanz, die stimmen muss, damit die Waage nicht ständig zu weit nach rechts ausschlägt. Das ist nicht immer einfach.  Aber das ist der Weg, den jeder selbst gehen, walken, sprinten oder joggen sollte. Jeder so, wie es ihm sein Körper sagt. Ich hüpfe auch manchmal.

Ich wünsche euch: Macht euch glücklich ganz ohne Essensverbote und mit genau der Bewegung, die für euch passt.

Eure Antonia