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Über die Angst, das Falsche zu essen und warum wir sie nicht haben müssen

Fake News, Terror, Gluten – wir leben im Zeitalter der Angst. Die Angst vor dem Abstieg, die Angst vor einer Neuauflage von „Wetten, dass ..?“. Als Törtchen-Enthusiastin denke ich über eine Angst nach, die mir im Alltag jetzt häufiger begegnet: Die Angst, das Falsche zu essen.

Beim Durchzappen im analogen TV hörte ich neulich den lateinischen Begriff dafür: Orthorexia nervosa. Damit wird ein quasi krankhaftes* Verlangen beschrieben, sich ausschließlich gesund ernähren zu müssen. Fast zwanghaft werden alle ungesunden Lebensmittel gemieden. Ein Ausrutscher aus dem strengen Ernährungsplan und schon quält das schlechte Gewissen. Ernährung ist Ersatzreligion, Schokolade der Sündenfall. Wer kennt nicht mindestens einen Betroffenen in seinem Freundeskreis? Die Ungläubigen sind zu missionieren. Ein Tortenladen ist ihre Hölle. Und jemand wie ich ein Luzifer. Es herrscht die große Angst, das Falsche zu essen.

Woher kommt die Angst?

Kein Wunder: An jeder Ecke stehen Menschen, die uns sagen, was wir essen dürfen und was nicht. Ein sportlicher Körper steht für Disziplin und optimale Fortpflanzungschancen. Top-Manager sind Marathonläufer. Wer Fettpolster hat, ist selbst schuld. Die Fetten sind faul, unzuverlässig und sterben früher. Wer möchte das schon? Dazu erscheinen fast täglich Studien, die angebliche Zusammenhänge zwischen bestimmten Lebensmitteln und Krebs, Tod und Übergewicht suggerieren (höhö). Wie soll man da keine Angst bekommen?

Essen, Krieg und Angst

So, wie wir über Lebensmittel reden, scheint der Kriegszustand zu herrschen: Da gibt es „gute“ und „böse“ Fette, „gute“ und „böse“ Kalorien. Es hagelt „Zuckerbomben“, Zucker „versteckt“ sich und „greift“ unsere Gesundheit an. Er ist „Gift“ für uns, er „tötet“ uns, wir müssen ihn „bekämpfen“. Die bösen Lebensmittel „verbannen“ wir aus Schulen und Kantinen. Das Gemetzel endet nicht auf dem Teller – die Därme werden jetzt mit Cleaneating „gesäubert“. Friss oder und stirb. Und jetzt kommt die gute Nachricht.

Die Angstblase ist eine Seifenblase

Die Angst ist nur eine Seifenblase. Und Seifenblasen platzen früher oder später von alleine. Viele Seifenblasen sind neulich im NDR bei DAS! geplatzt. Katharina Schickling, bekannt aus dem „Lebensmittel-Check“ und dort mit Fernsehkoch Tim Mälzer vor der Kamera, war zu Gast beim NDR und aß ein Leberwurstbrot, mit Gurke, live, im gebührenfinanzierten Fernsehen. Sie kann das mit gutem Gewissen auch machen. Schaut sie sonst doch der Lebensmittelindustrie auf die Finger, hat sie für ihr neues Buch die Studien über Fett, Weizen und Co. unter die Lupe genommen und kommt zu einem Ergebnis, das uns positiv stimmen darf. Nichts ist dran an den Schlagzeilen, dass Wurst uns tötet oder Weizen dumm macht. Einzig die Kalorienbilanz scheint wirklich wichtig zu sein, wenn es um Übergewicht geht. Ihr Buch heißt folgerichtig: „Aber bitte mit Butter: Warum Brot nicht dumm und Fett nicht krank macht“. Wir dürfen alles essen, was uns schmeckt – nur eben nicht zu viel. Das müssen manche von uns erst mal verdauen. Wer es nicht glaubt, der kann die Sendung hier  nochmal genüsslich nachsehen.

Das ist aber leider eine Perspektive im Ernährungskrieg, die nicht so laut in die Welt hinaus posaunt wird. Seifenblasen platzen für gewöhnlich leise. Schade. Aber: Kompliment an die Redaktion des NDR. Sonst kennen wir aus so manchen Sendungen eigentlich immer nur die lauten Leute, die krude Studien zitieren müssen, um ihre Thesen zu rechtfertigen. Ich hoffe, es herrscht jetzt endlich Tauwetter und Abrüstung.

Wir dürfen essen was wir wollen

Wenn in 100 Jahren das Internet durchforstet wird (gibt es dann das Internet überhaupt noch?) und Historiker im Jahre 2117 unsere Zeit analysieren, dann werden sie vielleicht schreiben: „Die Menschen hatten damals vor vielen Sachen Angst. Nur eine Handvoll Blogs schrieben gegen die Massenhysterie an. „Törtchen sind Freiheit“ war einer von ihnen…“

Erlauben wir uns wieder, zu essen, was wir wollen. Ausgewogen, nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Machen wir uns frei von unnützen Essensverboten. Es fühlt sich auch verdammt gut an. Dann finden wir wieder den Spaß am Essen. Das Leben kann so einfach und so schön sein.

Lasst uns das Leben feiern.

giphy

 

*Die Fachwelt diskutiert noch, ob Orthorexia nervosa als echte Krankheit anerkannt werden muss: https://de.wikipedia.org/wiki/Orthorexia_nervosa